• Krav Maga: „Es muss ja nicht gleich die Nase brechen“

    Krav Maga: „Es muss ja nicht gleich die Nase brechen“

    Keine „Ninja-Technik“ der Welt kann zu 100 Prozent vor Übergriffen bewahren – je mehr Bausteine aber zur Selbstverteidigung zur Verfügung stehen, umso besser, sagt Trainerin Irene Zavarsky beim Besuch von WOMAN.at.

    von Theresa Aigner 
    Diese Situation kennen viele Frauen in dieser oder ähnlicher Form: Bei einem Konzert oder in einem Club ist es eng, es wird getanzt und plötzlich: Ein Annäherungsversuch von hinten. Nicht immer sind diese aber auch gewollt und nicht immer weiß man gleich, wie man darauf am besten reagiert. „Als erstes versucht man es wahrscheinlich mal mit einem ‚Nein‘. Versteht er, dass sein Verhalten nicht erwünscht ist – umso besser, Situation gelöst“, sagt Trainerin Irene Zavarsky. Was aber, wenn er nicht locker lässt und einen etwa von hintern „umarmt“ bzw. umklammert? „Dann gibt es ein paar hilfreiche Handgriffe, wie man sich aus so einer unliebsamen Situation befreien kann“, erklärt die Krav Maga Expertin vom Studio „Kaigym“ in Wien.

    Und tatsächlich: Bei dem israelischen Kampfsport bzw. Selbstverteidigungssystem Krav Maga, geht es darum ohne viel Körperkraft aufzuwenden, durch die richtige Bewegungen, Hebeltechniken sowie durch gezielte Schläge, unbeschadet aus einer Situation heraus zu kommen. Und tatsächlich: Wenn man weiß wie, entkommt man der unliebsamen Umklammerung schneller, als gedacht. „Und dabei ist es auch gar nicht nötig, dem Angreifer gleich die Nase zu brechen. Denn möglicherweise ist der, der euch da umarmt sogar ein Freund oder Bekannter, den ihr – auch wenn er sich falsch verhält – nicht dauerhaften Schaden zufügen wollt“, führt Zavarsky die Abstufungen der möglichen Gegenwehr aus.

     Damit spricht sie einen sehr wichtigen Punkt an: „85 Prozent von körperlichen Übergriffen passieren durch Menschen, die man kennt. Seien es Familienmitglieder, Freunde oder eben eine Konzert-Bekanntschaft.“ Das lasse die Hemmschwelle vieler Frauen, sich zu wehren, steigen. Denn das Horror-Bild des fremden Mannes der in einer dunklen Ecke auf uns lauert komme zwar auch in seltenen, schrecklichen Ausnahmefällen vor – viel häufiger sind Übergriffe aber eben im bekannten Umfeld.

    Panikmache nicht unterstützen, aber Frauen ernst nehmen

    Die Panikmache durch diverse Medien, die dieses verfälschte Bild von „Gefahren“ für Frauen propagieren, will Zavarsky keinesfalls unterstützen, warnt aber auch davor, berechtigte Ängste von Frauen nicht Ernst genug zu nehmen. Und gerade, wenn Übergriffe von bekannten Personen passieren, sei zu beobachten, dass Frauen vor allem eines gesagt werde: „Das war doch nur ein Schmäh.“ Oder: „Führ dich nicht so auf, das bildest du dir ja alles ein.“ Das sei völlig falsch, jede Grenzüberschreitung muss auch benannt werden – um dann mit deeskalativen Techniken gelöst werden zu können.

    Diese Techniken werden im Training von Zavarsky zu zweit geübt. Alltägliche Situation werden immer wieder durchgespielt, bis die Bewegungen immer intuitiver funktionieren. Darunter etwa auch: Jemand packt einen an der Hand und will nicht mehr loslassen. Auch diese Situation kennen sicher viele Frauen. Und auch hierfür gibt es eine einfache Handbewegung, kombiniert mit dem richtigen Winkel – und schon hat man sich losgemacht. „Ich sehe die einzelnen Handgriffe wie ‚Lego-Bausteine‘. Je mehr Bausteine man kennt, um einer unangenehmen Situation unbeschadet zu entkommen, umso besser.“ Und dabei ist der erste Baustein einer, für den man nicht unbedingt einen Kampfsport betreiben muss: „Es geht um das eigene Auftreten, darum, ‚Nein‘ oder ‚Lass mich aus‘ zu sagen und deutlich zu machen, dass man etwas nicht will.“

    Auch Selbstbewusstsein ist ein Baustein

    Auch darum dreht sich der Input in Zavarskys Training, denn auch Selbstbewusstsein will gelernt sein. „Ich halte nichts von diesen Mythen, wo Frauen eingeredet wird, wenn sie diesen und jenen Kampfsport trainieren, kann ihnen nie wieder was passieren. Genauso wenig halte ich davon, wenn man Selbstverteidigung als grundsätzlich sinnlos abtut.“ Jede Frau müsse für sich selbst entscheiden, welche und wie viele Bausteine sie braucht, um sich sicher zu fühlen. Und: Jede Frau müsse auch selbstständig und nach Tagesverfassung einschätzen, wie man sich in einer Situation verhält. „An manchen Tagen hat man vielleicht einfach keine Lust auf eine Auseinandersetzung. Und sei es nur die Diskussion mit dem Sitznachbar in der U-Bahn darüber, ob es wirklich notwendig ist, dass er so breitbeinig dasitzt, dass ich kaum auf meinem Sitz Platz habe. Manchmal werde ich deutlich machen, dass mich das stört – manchmal werde ich mich aber einfach woanders hinsetzen, weil ich keine Lust auf eine Auseinandersetzung habe.“ Man müsse eben lernen sich selbst einzuschätzen.

    Dass Irene Zavarsky so reflektiert an die Sache herangeht, mag auch daran liegen, dass sie eigentlich Sozialwissenschaftlerin ist und neben ihrer Tätigkeit als Trainerin im Kaigym auch in der Erwachsenenbildung arbeitet. In dem Studio am Handelskai ist sie seit der Eröffnung im März 2017 tätig, sie hat es gemeinsam mit ihren Kollegen Bobby, Georges und Boris gegründet. Angeboten werden verschiedene Kampfsportarten – Kickboxen, Krav Maga, Luta Livre, Panantukan, Kali Knife und Kali Stick – und Cross-Fit. Dabei kann man sich als Mitglied sein eigenes Trainingsprogramm zusammen bauen und so oft zu den täglichen Kursen kommen, wie man möchte. Darauf weist auch der Slogan „Be your own Hero“, also „Sei dein eigener Held bzw. deine eigene Heldin“, hin. „Bei uns soll jeder das machen können, was ihm bzw. ihr Spaß macht, und die eigenen Ziele verfolgen“, so Zavarsky. Man wolle hier keine „Drill-Sergant-Mentalität“, jeder könne mitmachen, egal ob man top-fit oder AnfängerIn ist. Irene Zavarsky selbst unterrichtet unter anderem Krav Maga, mit dem die sie vor 10 Jahren begonnen hat und so viel Freude daran hatte, dass sie inzwischen selbst Trainerin ist.

    Einst Verteidigung gegen antisemitische Übergriffe

    Die Ursprünge von Krav Maga gehen übrigens auf den Boxer und Ringer Imrich Lichtenfeld zurück, der diese Kampfmethode in der Slowakei in den 1930er-Jahren erstmals lehrte, um die dort lebenden Juden gegen antisemitische Übergriffe zu unterstützen. Die Krav Maga Kurse im Kaigym sind – genauso wie alle anderen Trainingsangebote – gemischt, das Geschlechterverhältnis sei aber durchaus ausgeglichen: Rund die Hälfte der Mitglieder, die regelmäßig kommen, seien Frauen, sagt Zavarsky. An einzelnen Wochenenden werden aber auch Kurse nur für Frauen angeboten. Das nächste mal im November, rund um den 25., den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen.

    KaiGym befindet sich am Handelskai 102, 1200 Wien. Kurse werden täglich außer Sonntag und Feiertag angeboten, für alle Kurse besteht die Möglichkeit, einmal kostenlos zu schnuppern – einfach vorbei schauen! Alle Infos und Preise unter www.kaigym.at

    Hier ist der Link zum Artikel auf woman.at

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