Kampfsport, Ownership und Agency – Wie verändert Female Ownership das Trainingsökosystem?

Irene Zavarsky – Gym Owner von KaiGym, Kampfsportlerin und Trainerin


1. Warum ist Kampfsport aus sozialwissenschaftlicher Perspektive überhaupt relevant?

Kampfsport – etwa Kickboxen, Luta Livre oder MMA – ist nicht nur ein physisches Trainingsformat, sondern ein soziales Mikrosystem. Trainingsräume fungieren als Orte der Disziplinierung (im foucaultschen Sinne), der Habitusbildung (Bourdieu) und der performativen Geschlechterkonstruktion (Butler).

Gyms strukturieren Körper, Hierarchien, Nähe, Wettbewerb und Zugehörigkeit. Sie reproduzieren oder transformieren soziale Ordnungen. Deshalb ist die Frage nach Ownership – also: Wer besitzt und leitet diese Räume? – nicht trivial, sondern strukturell relevant.


2. Was versteht man unter „Female Ownership“ im Fitness- und Kampfsportkontext?

Female Ownership bezeichnet den Umstand, dass Trainingsräume – Gyms, Studios, Sportzentren – von Frauen gegründet, geführt und strategisch verantwortet werden.

Im Kampfsportbereich ist dies besonders bedeutsam, da diese Disziplinen historisch stark männlich dominiert sind. Die Inhaberschaft betrifft nicht nur ökonomische Kontrolle, sondern:

  • Trainingsphilosophie
  • Hierarchiestrukturen
  • Sicherheitskultur
  • Rekrutierungsstrategien
  • Vorbildfunktion

Ownership ist damit eine Form institutionalisierter Agency.


3. Wie positioniert sich KaiGym in diesem Kontext?

KaiGym steht exemplarisch für einen Raum, in dem Kampfsport und Female Ownership zusammengedacht werden.

Die zentrale Frage lautet hier nicht: Dürfen Frauen Kampfsport machen?
Sondern: Wie verändert sich der Raum, wenn Frauen strukturelle Verantwortung tragen?

Die Verschiebung betrifft:

  • Normative Erwartungshorizonte
  • Umgang mit Körperkontakt
  • Feedbackkultur
  • Führungsstile
  • Sicherheitsarchitektur

Ownership transformiert nicht nur die symbolische Ordnung, sondern auch die Interaktionsdynamik im Trainingsalltag.


4. Welche Rolle spielt Körperkontakt in geschlechtercodierten Trainingsräumen?

Kampfsport basiert auf kontrollierter physischer Konfrontation. Nähe, Berührung und Verletzlichkeit sind konstitutiv.

In männlich dominierten Räumen kann dies – empirisch belegt in sportsoziologischen Studien – zu Exklusionserfahrungen führen:

  • „Othering“ weiblicher Athletinnen
  • Sexualisierte Kommentare
  • Reduzierung auf physische Differenz

Female Ownership verschiebt hier die Machtbalance. Nicht die körperliche Differenz steht im Vordergrund, sondern technische Kompetenz und Trainingsethos.


5. Verändert Female Ownership die Leistungsorientierung?

Eine häufig implizite Annahme lautet: Mehr Inklusion führe zu weniger Leistungsorientierung. Empirisch lässt sich diese Korrelation nicht stützen. Vielmehr zeigen Studien zur diversitätsbasierten Führung, dass psychologische Sicherheit die Leistungsbereitschaft steigert. Wenn Athletinnen und Athleten sich nicht permanent legitimieren müssen, können Ressourcen auf Technik, Kondition und Strategie konzentriert werden. Die relevante Variable ist also nicht Geschlecht, sondern Führungsarchitektur.


6. Wie wirkt sich Female Ownership auf ökonomische Nachhaltigkeit aus?

Unternehmerisch betrachtet sind Gyms hybride Organisationen: Sie operieren an der Schnittstelle von Community und Markt. Female Ownership kann hier mehrere Effekte erzeugen:

  • Erschließung neuer Zielgruppen
  • Differenzierung im Wettbewerb
  • Community-Bindung durch Identifikation
  • Erhöhte Markenauthentizität

In einem gesättigten Fitnessmarkt wird kulturelle Positionierung zum strategischen Asset.


7. Ist Female Ownership primär eine symbolische oder eine strukturelle Intervention?

Beides. Symbolisch wirkt sie als Repräsentationsmarker: Frauen sehen sich nicht nur als Nutzerinnen, sondern als Entscheidungsträgerinnen.

Strukturell wirkt sie durch:

  • Rekrutierungspolitik
  • Preisgestaltung
  • Trainingsformat-Design
  • Konfliktmanagement

Ownership ist damit eine Intervention auf Systemebene, nicht nur eine identitätspolitische Geste.


8. Welche Rolle spielt Kampfsport für weibliche Selbstwirksamkeit?

Selbstwirksamkeit (Bandura) entsteht durch mastery experiences – also erfolgreich bewältigte Herausforderungen.

Kampfsport bietet:

  • Konfrontation mit physischer Angst
  • Training unter Druck
  • kontrollierte Aggression
  • situative Entscheidungsfindung

Wenn diese Erfahrungen in einem Raum stattfinden, der strukturell Sicherheit gewährleistet, entsteht nachhaltige Empowerment-Dynamik.


9. Ist Female Ownership im Kampfsport ein Nischenphänomen oder ein Zukunftsmodell?

Die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich um eine Randerscheinung – oder um ein strukturelles Korrektiv in einem Transformationsprozess?

Gesellschaftlich betrachtet wächst das Bewusstsein für:

  • Diversität in Führung
  • sichere Trainingsumgebungen
  • genderinklusive Sportkulturen

Vor diesem Hintergrund könnte Female Ownership weniger Ausnahme als Innovationsmotor sein.


10. Ist Female Ownership die Antwort auf alle Fragen?

Natürlich nicht.

Ownership allein neutralisiert keine Machtasymmetrien, löst keine strukturellen Ungleichheiten und garantiert weder Diversität noch Sensibilität. Auch ein von Frauen geführtes Gym kann exkludierende Praktiken reproduzieren, Leistungsdruck falsch rahmen oder blinde Flecken gegenüber Intersektionen wie Klasse, Herkunft oder Alter entwickeln. Geschlecht ist keine moralische Kategorie, sondern eine soziale Positionierung – mit Potenzial, aber ohne automatische Qualitätssicherung.

Female Ownership ist daher kein Allheilmittel, sondern eine strukturelle Verschiebung. Ein Eingriff in die Governance eines Raumes, der historisch stark männlich kodiert war. Sie verändert Perspektiven, Entscheidungslogiken und Prioritätensetzungen – nicht zwingend alles, aber messbar etwas.

In diesem Sinne ist sie weniger Lösung als Richtung: ein Schritt hin zu größerer institutioneller Vielfalt, zu differenzierterer Normsetzung, zu bewussterer Gestaltung von Trainingskultur. Transformation geschieht selten sprunghaft. Sie beginnt mit Eigentumsverhältnissen – und setzt sich in alltäglichen Praktiken fort.


Fazit: Ownership als kulturelle Intervention

Wenn Kampfsport Räume der Disziplin, Konfrontation und Selbstformung sind, dann entscheidet Ownership darüber, nach welchen Regeln diese Prozesse ablaufen.

Female Ownership – wie im Fall von KaiGym – ist daher nicht nur ein ökonomisches Detail, sondern eine strukturelle Intervention in die kulturelle Infrastruktur des Trainingsraums.

Wer gestaltet die Regeln des Ringes – und welche Körper dürfen darin selbstverständlich sein?